Wechten

                                                                                                                                                                                                                           

Merke: 

hier geht's weiter mit Fragen, Forschungen, Antworten, Beobachtungen und Bildern zu Wechten 

  Geschichte des Begriffs Wechtenspalt

klick erstmal hier Rochefort-Grat

 Hintere Karlesspitze

 

Wechten am Südostgrat der Weißmies/Wallis 4023m; immer über der steileren Seite des Grates überhängend; bei gleichem Winkel auf beiden Seiten bildet sich keine Wechte; die Aufnahmen - am 27.08.2007 fotografiert - wurden freundlicherweise  von Manuel Panea-Doblado für diese Darstellung zur Verfügung gestellt. Die Spur - immer auf der flacheren Seite des Grates - wechselt von zunächst rechts auf denselben dort, wo die Gratneigungen den gleichen Winkel haben; dann geht's weiter auf der linken Seite Richtung Gipfel (zum Fotografen); 

Wechten an der Mieminger Kette fotografiert von Heinz Zak 

 

Die Definition für "Wechte"  im Glossar des SLF

 http://waarchiv.slf.ch/index.php?id=118#164

 ( Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung) lautet:

"Wechte "

Durch Schneeverfrachtung hervorgerufene, stark verdichtete Schneeablagerung direkt auf der windabgewandten Seite eines Grates mit keilförmigem Überhang auf die Leeseite."

Diese Aussage ist richtig, aber nicht erschöpfend. Hier hat sich das SLF etwas gedrückt  ;-(

Beste Beispiele für diese unbeantworteten Fragen sind der Rochefort-Grat im Mont Blanc Gebiet (siehe oben) und der Verbindungsgrat Weiße Frau - Morgenhorn im Berner Oberland (siehe unten). Ein weiteres überzeugendes Bild für diese Erscheinung von Wechten auf beiden Seiten eines Grates zeigt die Aufnahme von Heinz Zak in den winterlichen Miemingern (oben).

Das sind für mich seit 1965 (damals war ich das erste mal auf dem Rochefortgrat) strittige Fragen, die Wilo Welzenbach an sich beantwortet hat, dessen Lösung aber von der Wissenschaft (und dazu zähle ich das SLF an erster Stelle) nicht so aufgegriffen wird, damit sie in dem Glossar erscheint und damit allgemeines Wissen wird.  - "Wäre das nicht ein Thema für eine Diplomarbeit oder Dissertation in Geologie oder Mathematik?" fragte Moritz Hammer vor einigen Jahren und ich schloss mich der Frage an. Jetzt habe ich endlich die Dissertation von Welzenbach

 

"Untersuchungen über die Stratigraphie der Schneeablagerungen und die Mechanik der Schneebewegungen

 nebst Schlussfolgerungen auf die Methoden der Verbauung",

erschienen in den "Wissenschaftlichen Veröffentlichungen" des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Nr. 9, Innsbruck 1930

 und stelle fest, dass Welzenbach diese Fragen schon erschöpfend beantwortet hat:

"Beziehung zwischen Bergform, Windrichtung und Wächtenbildung 1)

Richtung und Größe der Wächten sind einerseits eine Funktion der Bergmorphologie, andererseits eine solche der vorherrschenden Windrichtung (welche letztere allerdings eine untergeordnete Rolle spielt). Wirken beide Faktoren im positiven Sinne zusammen, so ergibt sich ein Maximum an Wächtenbildung, im anderen Fall ein Minimum. Die Morphologie des Felsgrates spielt insofern eine ausschlaggebende Rolle, als die Wächte die Tendenz zeigt, sich über der Steilflanke zu entwickeln."

 1) Bis zum Jahre 1919 wurde allgemein die Irrlehre vertreten, die Wechtenbildung trete nur an der von der regelmäßigen Windrichtung abgewandten Bergflanke auf. Dieser Ansicht trat Marcel Kurz entgegen ("les corniches de neige et leur formation", Echo des Alpes, 1919, S. 65), in dem er an hand eines reichen Beobachtungsmaterials bewies, dass die Wechten die Tendenz zeigen, sich über der jeweils steileren der beiden Gratflanken zu bilden.

Verbindungsgrat Weiße Frau - Morgenhorn (Berner Oberland)

Foto von E. Gyger, Adelboden

aus Welzenbachs Arbeit, S. 27

Welzenbachs Skizzen auf Seite 29 seiner Arbeit

 

Aber Welzenbach ist gründlicher Wissenschaftler; er schreibt weiter:

 

"Neben den durch die Bergmorphologie bedingten Einflüssen ist jedoch die Einwirkung der vorherrschenden Windrichtung nicht ganz zu vernachlässigen. Diese Einwirkung kommt um so mehr zur Geltung, je geringer der Unterschied in der Neigung der beiderseitigen Gratflanken ist. Es ist deshalb der Fall möglich, daß die Summe der durch die vorherrschende Windrichtung bedingten häufigen aber kleinen Einzelwirkungen größer ist als die Summe der durch die Bergmorphologie bedingten, hin und wieder auftretenden größeren Kräfte. Auf jeden Fall wird jedoch die Wächtenbildung unter diesen Voraussetzungen eine geringe sein. 2)"

 

2) Ein Beispiel hiefür ist bedingt der Biancograt. Die steilere Gratfläche fällt zum Tschiervagletscher (rechts) ab, die weniger steile zum Morteratschgletscher (links). Trotzdem hängen die wenig ausgeprägten Wechten zum Morteratschgletscher. 

Dennoch: Bei genauerer Betrachtung des folgenden Bildes erscheint mir im Bereich der Eisnase die Morteratschseite steiler als die Tschiervaseite; d.h. die Eisnase hängt doch über der "richtigen", der steileren Gratflanke.

 

Der Biancograt , Foto von Franz Thorbecke, Lindau aus dem "Vanis - im steilen Eis"

Die "Eisnase" am Biancograt, wie sie einmal war. Ist sie noch so??

zur Verfügung gestellt von Franz Bachmann

Kartenausschnitt vom Biancograt

ebenfalls von Franz Bachmann

Ein weiteres Beispiel  sandte mir Michael Boos aus Zürich (+ am Mount Robson, Kanada, 2005) vom Schafberg-Ostgrat am 5. Oktober 2004 mit folgendem Kommentar:

"rechts die steile N-Flanke des Schafberg-Osgrats westlich des Brandnergletschers bei der Schesaplana. Die Südflanke ist klar flacher, da kommt der Weg von der Chli Furgga hoch. Die Ansätze zeigen die klare Tendenz der Wächtenbildung auf der Seite des flachen Hangs. Scheint schon eher die Ausnahme zu sein ;-) !"

Meine Frage, ob es sich nur um Neuschnee des letzten "Wurfes" handelte, beantwortete er wie folgt: "das war alles ziemlich frischer Schnee dh. vom "letzten Wurf" - vermutlich auch aus einer Richtung. Älterer Unterbau war von mir nicht auszumachen, möchte ich aber nicht ausschließen, da es dort direkt auf dem Grat wesentlich mehr Schnee war als in der Flanke schon kurz darunter - ich sah allerdings keinen klar als älter erkennbaren Schnee."

Schafberg-Ostgrat am 5. Oktober 2004

Inwieweit der starke Neuschnee Anfang Oktober aus einer Richtung (Norden) oder vielleicht die auf dem Bild nicht erkennbaren, am Grat wechselnden,  geringfügigen Neigungsunterschiede der beiden Flanken Ursache für  dieses Ergebnis sind, läßt sich schwer ermitteln. Es zeigt sich aber wie schon am Biancograt,  daß je ausgeglichener die Gratflanken (gleichschenkliges Dreieck) umso weniger ausgeprägt  bilden sich die Wechten.

Mein Vorschlag - ergänzend zu dem des SLF - für die Definition Wechte:

"Durch Schneeverfrachtung hervorgerufene, stark verdichtete Schneeablagerung direkt auf der windabgewandten und vornehmlich steileren Seite eines Grates mit keilförmigem Überhang auf die Leeseite"

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M.E. eine treffende Aussage zum richtigen Verhalten auf Wechten in einem alten "Alpinismus", Heft 3 / 1967; "gw" steht für Gerhard Wagner.

Michael Boos meint, diese Aussage hinsichtlich des Verhaltens auf Wechten beschränke sich auf den Alpenraum; außereuropäisch gäbe es andere Dimensionen wie z.B. auf dem Mount Mc Kinley oder noch krasser auf dem Mount Hunter. Dem ist zuzustimmen, doch wer auf dem Mt. Mc Kinley rumlatscht, beherrscht in der Regel das 1x1 der Gefahren der Berge (der Alpen) und kann es auch auf andere Regionen übertragen. 

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